Barrierefreie-Webseiten-Zertifizierung
Barrierefreiheit

Zertifizierung für digitale Barrierefreiheit

Kevin am 22.03.2021
Lesezeit: 7 min

Mehr digitale Barrierefreiheit von Webangeboten – dieses Ziel soll mit der EU-Webseitenrichtlinie erreicht werden. So verpflichtet die EU-Richtlinie öffentliche Stellen von der Bundes- über die Landes- bis zur kommunalen Ebene zu barrierefreien Webangeboten. Das heißt, dass sich zum Beispiel Verwaltungen, Gerichte, Polizeistellen, öffentliche Krankenhäuser, Universitäten oder Bibliotheken um die Barrierefreiheit ihrer Internetseiten und Apps kümmern müssen. Mit der BITV 2.0, der Barrierefreien Informationstechnikverordnung des Bundes, liegt hierfür grundsätzlich ein Regelwerk für Deutschland vor, das den Mindeststandards der Richtlinie entspricht. Damit wird für viele Webseitenanbieter:innen auch die Frage nach der konkreten Umsetzung und den Zertifizierungsmöglichkeiten von barrierefreien Websites zunehmend wichtiger.

Welche Zertifizierungsmöglichkeiten für Barrierefreiheit im Web gibt es?

Eine offizielle Stelle für die Zertifizierung und Überprüfung einer Webseite auf Barrierefreiheit nach EU-Richtlinie gibt es bislang nicht. Jedoch gibt es mittlerweile verschiedene sehr gute Initiativen und Möglichkeiten, um die eigene Webseite hinsichtlich der Standards für digitale Barrierefreiheit testen zu lassen.

BITV-Test – Überprüfung nach BITV 2.0 (Deutschland)

Der BITV-Test von BIK dient der umfassenden und zuverlässigen Prüfung der Barrierefreiheit von Websites und Webanwendungen und wurde in enger Abstimmung mit Selbsthilfeverbänden von Menschen mit Behinderungen, kompetenten Webagenturen und Fachleuten für Barrierefreiheit entwickelt. Grundlage für den BITV-Test ist die Barrierefreie Informationstechnik-Verordnung (BITV 2.0). Der Test prüft also die Konformität mit den Anforderungen der europäischen Norm. Insgesamt umfasst der Test 92 Prüfschritte, die auf der Webseite im Detail erläutert werden.
So ist es zudem möglich den BITV-Test auch selbst anzuwenden und damit als webbasiertes Werkzeug für die Überprüfung und Entwicklung von barrierefreien Websites zu nutzen. Für eine umfassende Prüfung des gesamten Webangebots lohnt es sich jedoch einen BITV-Test bei den BIK-Prüfstellen zu beauftragen. Werden dort alle geprüften Seiten eines Angebots mit „konform“ bewertet, kann das Prüfzeichen „BIK BITV-konform (geprüfte Seiten)“ auf der eignen Website eingebunden und das Testergebnis nach außen transparent dokumentiert werden. Das Prüfsiegel verweist dann auf den Online-Prüfbericht.

„Access for all“-Test – Überprüfung nach WCAG (Schweiz)

Die Stiftung „Zugang für alle“ ist eine unabhängige Zertifizierungsstelle für barrierefreie Webauftritte in der Schweiz. Sie ist spezialisiert in der Beurteilung der Barrierefreiheit von Webinhalten und hat bereits zahlreiche schweizer Websites getestet. Als Grundlage für den „Access for all“-Test dienen dabei die internationalen Richtlinien für barrierefreie Webinhalte des W3C, die WCAG (Web Content Accessibility Guidelines). Diese stellen konkrete Anforderungen für die Barrierefreiheit für Menschen mit visuellen, auditiven, motorischen und kognitiven Einschränkungen.
Wenn die nach Durchführung des Tests die vollständige Erfüllung der Barrierefreiheit gemäß WCAG festgestellt wird, dann wird das Zertifikat abhängig von der erreichten Konformitätsstufe ausgestellt. Außerdem kann das entsprechende Label auf der eignen Webseite publiziert werden. Bei grundlegenden Mängeln und Anpassungen einer Website muss die Barrierefreiheit erneut getestet werden.

Web Accessibility Certificate Austria (WACA) (Österreich)

Das Web Accessibility Certificate Austria (WACA) ist das erste unabhängige Zertifikat in Österreich, um Barrierefreiheit nach den internationalen W3C-Richtlinien (WCAG 2.1 – AA) zu testen und auszuzeichnen. Damit soll die Zugänglichkeit der geprüften Website für alle Menschen gewährleistet werden.
Das WACA-Zertifikat kann in drei unterschiedlichen Stufen vergeben werden. Diese Abstufungen werden in Gold, Silber und Bronze eingeteilt. Das entsprechende WACA-Label kann dann auf der Webseite platziert werden. Nach Vergabe des Zertifikats ist dieses drei Jahre gültig. Danach muss eine Re-Zertifizierung beantragt werden.

Welche Zertifikatsstufen können erreicht werden?

Die WCAG (Web Content Accessibility Guidelines) sind der internationale Standard für barrierefreie Web-Inhalte und enthalten 78 sogenannte Erfolgskriterien. Diese Kriterien werden hinsichtlich ihrer Priorität in drei Konformitätsstufen eingeteilt.

Die WCAG Konformitätsstufen

  • Stufe A: Erreicht man Konformität WCAG A, hat man alle Kriterien der Stufe A der WCAG erfüllt. Diese beinhaltet Basisanforderungen der Barrierefreiheit und haben höchste Priorität. Mit der Zertifikatsstufe A garantiert man somit minimale Zugänglichkeit.
  • Stufe AA: Eine Website entspricht der Konformitätsstufe AA, wenn alle Erfolgskriterien der Stufen A und AA erfüllt sind. Sie entspricht dann den Anforderungen mittlerer Priorität und bietet eine gute Zugänglichkeit.
  • Stufe AAA: Für eine Konformität auf Stufe AAA muss die Webseite alle Erfolgskriterien der Stufen A, AA und AAA erfüllen. Hier werden also auch Anforderungen niedriger Priorität erfüllt, die insgesamt eine sehr gute Zugänglichkeit sicherstellen.

Für die Zertifizierung von barrierefreien Webangeboten wird gefordert mindestens die Kriterien der Stufe A und AA der WCAG zu erfüllen.

Das BIK-Prüfzeichen

Wenn ein Webangebot einem abschließenden BITV-Test von BIK unterzogen wurde, gibt es verschiedene BIK-Prüfzeichen die dann auf der eignen Website platziert werden können. So können Angebote, deren geprüfte Seiten BITV-konform (bzw. WCAG-konform) sind, das BIK-Prüfzeichen BIK BITV-konform (geprüfte Seiten) oder BIK WCAG-konform (geprüfte Seiten) tragen. Wenn die Prüfung im abschließenden Test jedoch ergeben hat, dass manche Seiten in der Seitenauswahl nicht voll BITV-konform (bzw. WCAG-konform) sind, gibt es dennoch die Möglichkeit, die Prüfzeichen BIK BITV-Test Prüfbericht bzw. BIK WCAG-Test Prüfbericht zu verwenden. Diese Prüfzeichen sind dann kein Nachweis, dass das geprüfte Angebot barrierefrei ist. Sie zeigen lediglich an, dass ein Angebot im abschließenden BITV- bzw. WCAG-Test geprüft wurde und dass noch bestehende Mängel im verlinkten Prüfbericht aufgeführt sind.

Nach welchen Prinzipien erfolgt eine Zertifizierung?

Die WCAG Richtlinien für barrierefreie Webinhalte orientieren sich an folgenden vier Prinzipien:

Wahrnehmbar
Informationen und Bestandteile der Nutzungsschnittstelle müssen den Benutzenden so präsentiert werden, dass diese sie wahrnehmen können. So sollte beispielsweise die Schriftgröße von Benutzenden variabel angepasst werden können, ohne dass die Funktionalität der Webseite eingeschränkt wird. Somit können zum Beispiel ältere Menschen oder Menschen mit Sehbeeinträchtigungen die Schrift der Texte vergrößern, damit sie die Inhalte besser lesen können.

Bedienbar
Die Bestandteile der Webseite und die Navigation innerhalb der Webseite müssen bedienbar sein. Das heißt, dass die Webseiten auch bei eingeschränkter Beweglichkeit der Hände bedienbar sind und die Seiteninhalte beispielsweise nicht nur mit der Maus, sondern auch mit der Tastatur angesteuert werden können.

Verständlich
Informationen und die Bedienung der Nutzungsschnittstelle müssen allgemein für alle verständlich sein. Es können hierfür zum Beispiel spezielle Techniken eingesetzt werden, die auf der Webseite verwendete Abkürzungen oder Fremdwörter erklären oder Texte in leichter Sprache verfassen.

Robust
Die Inhalte der Webseite müssen robust genug sein, damit sie zuverlässig von einer großen Auswahl an assistierenden Techniken interpretiert werden können. Dies bedeutet, dass bei der Entwicklung der Webseite darauf geachtet werden muss, standardkonforme Programmierverfahren zu verwenden, damit Menschen mit Behinderungen ihre Hilfsmittel, beispielsweise Sprachausgaben und Braillezeilen, nutzen können.

Für wen ist eine Zertifizierung für digitale Barrierefreiheit sinnvoll?

Eine Zertifizierung für digitale Barrierefreiheit von Websites und die damit verbundene Prüfung durch offizielle Prüfstellen kann sehr kostspielig sein. So hängt beispielsweise der Preis eines BIK BITV-Test von der Anzahl und Komplexität der zu testenden Seiten ab. Demnach kann der Gesamtpreis für ein umfassendes Webangebot schnell mal mehrere Tausend Euro kosten. Außerdem ist eine Zertifizierung immer nur eine Momentaufnahme und ist nur für einen bestimmten Zeitraum gültig. So fallen auch für anschließende Re-Zertifizierungen Kosten an. Eine Zertifizierung für digitale Barrierefreiheit ist somit nur sinnvoll für Unternehmen, die ihre Webseite mit einem Qualitätssiegel auszeichnen wollen und ihren Nutzenden transparent auf ihrer Seite anzeigen wollen, dass diese den Anforderungen der digitalen Barrierefreiheit entspricht.

Dennoch sind die gängigen Testverfahren auch für kleinere Webangebote interessant, die ihre Website barrierefrei gestalten wollen und nicht unbedingt nur ein anerkanntes Prüfsiegel platzieren möchten. Insbesondere im Zuge der neuen EU-Richtlinien, die Webangebote öffentlicher Stellen zur Barrierefreiheit verpflichten, wird die Gestaltung von barrierefreien Webdesign immer wichtiger. So lohnt es sich vor allem die kostenlose BITV-Selbstbewertung entwicklungsbegleitend zu nutzen, um bei der Erstellung von Webinhalten eine Qualitätssicherung zu betreiben und sicherzustellen, die Anforderungen der digitalen Barrierefreiheit zu erfüllen. Demnach ist die BITV-Selbstbewertung insbesondere auch für Webagenturen sinnvoll, um Websites sauber zu programmieren und nach aktuellen Standards zu gestalten.

Welche Vorteile bietet eine Zertifizierung für digitale Barrierefreiheit?

Eine Zertifizierung und die Umsetzung von barrierefreien Websites sollte man nicht nur aufgrund der verschärften Richtlinien und Gesetzen anstreben. Für Webseitenbetreibende ergeben sich viele Vorteile, wenn sie darauf achten, ihre Webseite barrierefrei zu gestalten.

Erhöhung der Reichweite
Wenn Sie Ihre Webseite barrierefrei gestalten, erreichen Sie eine breitere Zielgruppe und damit auch mehr potenzielle Kundschaft. So können Sie nämlich auch Menschen mit Behinderungen oder altersbedingten Einschränkungen sowie technisch wenig versierte Personen besser erreichen. Mit einem barrierefreien Online-Auftritt tragen Sie also zur digitalen Teilhabe bei und erreichen mit Ihren Inhalten Menschen mit und ohne Behinderungen.

Gesteigerte Zufriedenheit der Kundschaft
Digitale Barrierefreiheit hilft aber nicht nur Menschen mit Behinderungen, sondern bringt allen Menschen Vorteile. Die Usability ist zentral für den Erfolg Ihrer Webinhalte. Barrierefreie Webangebote sind allgemein für alle Nutzer:innen leichter bedienbar und zugänglich. Damit sorgt ein barrierefreies Webdesign zusätzlich für eine gesteigerte Zufriedenheit der Webseitennutzenden.

Werden Sie zum Vorbild
Setzen Sie Inklusion im Internet als erstes um und zeigen Sie die Bedeutung von digitaler Barrierefreiheit. Damit werden Sie zum Vorbild für viele Werbetreibende und gewinnen ein positives Image. Mit der optimierten Zugänglichkeit für alle und gesteigerten Reichweite verschaffen Sie sich zusätzlich auch ein Wettbewerbsvorteil.

Bessere Unterstützung verschiedener Display-Auflösungen und schnelle Ladezeiten
Mit der Erfüllung der Anforderungen an barrierefreie Websites optimieren Sie zugleich auch ihre webbasierten Anwendungen hinsichtlich verschiedener Display-Auflösungen und Formate. So ist responsives Design zwar keine direkte Forderung der digitalen Barrierefreiheit, dennoch sollen barrierefreie Webinhalte beispielsweise auch zugänglich auf Smartphones und anderen mobilen Endgeräten sein. Zudem müssen Websites auch bei 200 und 400 Prozent Zoom eine gute Auflösung besitzen. Bei der Umsetzung der Standards digitaler Barrierefreiheit werden außerdem auch verschiedene weitere technische Kriterien angepasst, die zum Beispiel schnellere Ladezeiten des Webangebots sichern.

Aufwandsreduzierung von Webseitenpflege und Wartungen
Werden Webseiten nach anerkannten Standards gestaltet, um eine Zertifizierung für digitale Barrierefreiheit zu erhalten, entsprechen sie einer einheitlichen Struktur und sind sauber programmiert. Damit lassen sich barrierefrei gestaltete Webseiten auch nach Zertifizierung einfacher pflegen und warten.

Verbessertes Suchmaschinenranking
Barrierefreie Webseiten entsprechen oft wichtigen SEO-Kriterien, wie zum Beispiel einer klaren, übersichtlichen Struktur und HTLM-Auszeichnung. Durch die Verbesserung der Nutzungsfreundlichkeit und Zugänglichkeit können ihre Webinhalte so auch von Suchmaschinen leichter durchsucht und gefunden werden. Mit einem barrierefreien Webauftritt verbessern Sie also zugleich ihr Ranking bei Google.

Fazit

Aufgrund neuer EU-Richtlinien wird das Thema digitale Barrierefreiheit für viele Webangebote zunehmend wichtig. Doch nicht für alle Webinhalte ist eine Zertifizierung für digitale Barrierefreiheit notwendig und aufgrund der damit verbundenen hohen Kosten auch nicht in dem Fall zu empfehlen. Es gibt jedoch im Web bereits zuverlässige und umfassende Prüfverfahren wie den BITV-Test, der eine kostenlose Selbstbewertung ermöglicht. Damit kann jeder seine Webinhalte hinsichtlich aktueller Standards testen. So lohnt es sich auch für kleine Websites, sich bei der Erstellung von Webinhalten an den veröffentlichten Prüfkriterien zu orientieren, um das eigene Webangebot für alle Menschen zugänglich zu machen.

Kontaktieren Sie uns gerne, wenn Sie Unterstützung bei der Umsetzung von barrierefreien Webdesign benötigen. Unser Team hat bereits einige barrierefreie Internet-Angebote realisiert und getestet.

 

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